Gesendet: Montag, 23. Dezember 2013 um 07:23 Uhr
Von: „Wilhelm Groß“ wilhelm.gross.artstetten@gmx.at
An: wilhelm.gross.artstetten@gmx.at
Betreff: Bericht aus unserer neuen Heimat

Artstetten, den 23.Dezember 1913

Liebe Freundin, lieber Freund,

ich habe schon längere Zeit nichts von mir hören lassen, möchte aber die ruhige Zeit jetzt nutzen, Euch über unser Fortkommen zu berichten.

Bald zwei Jahre ist unsere letzte Übersiedelung nun her. Davor waren wir fast 10 Jahre in Sallingberg gewesen, hatten Freud und Leid erlebt, unsere kleinen Töchter Mariechen und Hilda liegen auf dem Friedhof. Wir waren schon ziemlich fest eingewurzelt und brauchten längere Zeit, im neuen Dienstorte Wurzeln zu fassen.

Am 2. Februar 1912 erhielt ich vom Herrn Oberlehrer Wenzel Reitinger die Gratulation zur Ernennung. Am 3. Februar um etwa 1 Uhr übergab mir Herr Oberlehrer Schindler das Dekret – ich unterrichtete die 1. Klasse – und meinte, ich solle den Unterricht schließen, was ich auch tat. Ich nahm Abschied von den Kleinen und sandte Grüße an deren Eltern.

Am 4. Februar früh um ¾ 8 Uhr fuhr ich per Schlitten durch verschneite Landschaft über Ottenschlag und Kirchschlag nach Pöggstall, wo ich dem Herrn Inspektor Sigl noch einen Besuch machte, der mir noch empfahl, Herrn Dechant Dobner in Maria Taferl zu besuchen.

Von Pöggstall ging es mit einem Schlitten vom Rötzer (Bürgermeister Knotzer konnte mich nicht bis ans Ziel führen lassen, da er am nächsten Tag dringende Fuhren hatte) über Seiterndorf, Pöbring und Hasling, und Unter-Bierbaum auf Artstetten zu. Als mein Schlitten in die Nähe des Bildstöckels kam, wo die Bierbaumer Straße in die von Artstetten nach Pöchlarn führende mündet, erkannte ich in einem dahereilenden Schlitten Herrn Rind, den mir der Ortsschulrat entgegengeschickt hatte, weil mich sonst niemand kannte, außer dem derzeitigen Obmann, Herrn Kienberger Johann, der aber heute einen Ball hatte und nicht abkommen konnte.

Deshalb mußte ich in der 1. Nacht beim Bäckermeister Irsiegler übernachten und fror in dem unheizbaren Zimmer in der kältesten Nacht dieses Winters in einem Bette mit kurzer „Zudecke“ ganz gewaltig.

Ich hatte nach meiner Ankunft um etwa 3 Uhr Hochw. Herrn Pfarrer Kubski, der seit November 1907 hier wirkte, und Herrn Verwalter Beer Besuche gemacht. Da es in den ersten Monatstagen war, hatte Herr Lehrer Vyroubal einen ordentlichen „Affen“ und fiel öfter nieder. Wenn dann etwa um den 10. des Monats das Geld ausging, betrank er sich fast nie. Was Herr Vyroubal abends machte, ging mich eigentlich nichts an; daß er aber schon „gut aufgelegt“ in die Schule kam, konnte mir nicht passen.

Ich schließe hier meine Erzählungen für heute. In weiteren E-Mails bei nächster Gelegenheit möchte ich Euch erzählen, was sich seit meiner Ankunft in Artstetten sonst noch alles zugetragen hat und auch wie es uns weiterhin hier ergehen wird.

Eine Bitte hätte ich noch. Wenn ihr Adressen von unseren Freunden habt, dann lasst Sie mir bitte zukommen. Wenn ihr meine Berichte nicht mehr bekommen wollt, dann lass ihr es mich ebenso wissen.

Ich wünsche Euch allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und alles Gute für das Jahr 1914!
Euer Wilhelm Groß