Vortrag von Prof. Ernst Bruckmüller
Wirtschaftsflaute und nationale Zersplitterung
Zentrale Problemfelder der späten österreichisch-ungarischen Monarchie
Vortrag Artstetten, 20. 9., 2014
Gliederung:
- Die Wirtschaftsentwicklung
- Die Konjunktur
- Das Problem der Reichsgestaltung 1848 – 1861 – 1867
- Die Religion des Nationalismus und ihre Heiligen
- Demokratie als Medizin gegen Nationalismus? Das Problem der Wahlreform
- Radikalisierungen im frühen 20. Jahrhundert: Schönerianer, Jugoslawen, Ultramagyaren, Russophile, Großrumänen usw.
1. Die Wirtschaftsentwicklung
Untersucht man die Wirtschaftsstruktur der späten Habsburgermonarchie, so kann man zahlreiche regionale Unterschiede feststellen.
Es gab reine Agrargebiete, wie den größten Teil Galiziens und große Teile des historischen Ungarn, Kroatiens, Dalmatiens und natürlich Bosnien – Herzegowina.
Es gab stark industrialisierte Gebiete, wie Nord- und Westböhmen, das Gebiet um Prag, das mährisch-schlesische Industriegebiet um Teschen und Witkowitz, das niederösterreichische Industrieviertel, das Mur- und Mürztal, die Umgebung von Graz, von Steyr, von Linz, das Unterinntal, einige Regionen in Nordungarn (Slowakei) sowie Budapest und Umgebung, aber das waren eigentlich schon
Inseln der Industrialisierung in agrarischer Umwelt, die ja überall existierten (im Banat beispielsweise, durch die dortigen Eisenwerke, in und um Laibach oder Zagreb, in Oberkrain).
Stark vom Dienstleistungsbereich geprägt waren die großen Städte, vor allem natürlich Wien, das nicht nur das Zentrum von Verwaltung und Gesetzgebung, sondern auch das Zentrum von Kunst und Wissenschaft, aber auch von Handel, Verkehr und Finanzsektor war. Auch Triest und seine Umgebung waren von Handel und Verkehr geprägt (wie alle Hafenstädte).
Also: Österreich-Ungarn war eine noch stark agrarische Welt, aber auf dem Weg in die Moderne.
Das Wirtschaftswachstum war regional und nach Zeiten ungleichmäßig – auf einen starken Wachstumsschub von 1867 bis 1872 folgte ab 1873 eine langwierige Krise, in der es einige kurze Aufschwünge gab. Die Krise „bereinigte“ die Struktur, vernichtete nicht lebensfähige Branchen und Unternehmungen und führte insgesamt zur Vorherrschaft großer Unternehmungen, Konzerne, aber auch zur Ausbildung von Kartellen. Erst nach 1900 gab es eine Hochkonjunkturperiode, angeheizt durch die verstärkte Rüstung. Neben den Industrielobbies gab es eine äußerst starke Agrarlobby, der neben den böhmischen Großgrundbesitzern auch die ungarischen Magnaten zuzuzählen sind.
2. Die Konjuktur
Damit sind wir schon bei Fragen der Konjunkturbewegung. Eine ausgesprochene Hochkonjunktur setzte 1904 ein und dauerte bis 1908, von 1909 bis 1912 gab es eine zweite Welle, die allerdings in einer schweren Krise endete. Gegen Ende dieser Periode traten schwere Probleme durch starke Preissteigerungen vor allem im Lebensmittelsektor auf. Das war die Folge eines großen Erfolges der Agrarlobby einerseits, der es endlich gelungen war, Hochschutzzölle durchzusetzen, andererseits eines Wandels der Weltmarktpreise für Agrarprodukte, die gleichzeitig anzogen – wahrscheinlich, weil die USA durch ihr starkes Bevölkerungswachstum einen zunehmenden Teil ihrer riesigen Agrarproduktion selbst verbrauchte und damit weniger auf den Weltmarkt warf. Sie war ab 1909 deutlich bemerkbar, wurde durch die Restriktionen gegenüber der Einfuhr von Fleisch und Lebensvieh aus Serbien (sog. Schweinekrieg) noch verschärft, was auch ein Handelsvertrag von 1909 nicht verbesserte, verschärfte sich 1910 (auch als Folge der Maul- und Klauenseuche) Die Teuerung führte zu massiven Protesten und Demonstrationen, vor allem in Wien, mit Einsatz von Polizei und Militär usw. .
Wie auch immer: Die Wirtschaft Österreich-Ungarn ist gewachsen, die Industrie dehnte sich aus. Aber: Führender Sektor der Industrie blieb nach wie vor die Textilindustrie, was nach Entwicklungsrückstand aussieht. Und gerade dieser Sektor kämpfte mit einem strukturellen Problem, das Stefan Koren so charakterisierte: Die österreichische Industrie konnte die Vorteile des viel beschworenen großen gemeinsamen Absatzmarktes von fast 50 Millionen Menschen (mit Ungarn und Bosnien) nur sehr unvollkommen nutzen:
„Zufolge seiner Zersplitterung, der vielfältigen nationalen und kulturellen Unterschiede und der Spannungen im Einkommensniveau zwischen den einzelnen Landesteilen war die Nachfragestruktur ungeheuer differenziert und hob die Vorteile des ‚gemeinsamen Marktes’ weitgehend auf.“ (Koren, Die Industrialisierung Österreichs, in: W, Weber, Hg., Österreiuchs Wirtschaftsstrutkur gestern – heute – morgen, Bd.1, 1969, S. 288). Ebenso hinderlich für eine raschere Entwicklung war die Neigung zur kartellmäßigen Organisation vieler Branchen (Zucker, Eisen usw.), was zur Konservierung kleinbetrieblicher Strukturen und veralteter Technologien beitrug (und natürlich den Konsum drosselte!).
Dazu kamen Außenhandelsprobleme, die mit den politischen eng zusammenhingen. Österreich-Ungarns Wirtschaft war nur wenig mit dem Welthandel verflochten. Ein wichtiges Absatzgebiet insbesondere für die Textilindustrie waren der Balkan und insgesamt das Osmanische Reich. Hier wirkten sich der sog. „Schweinekrieg“ mit Serbien (ab 1906) als Folge der Restriktionen bei der Einfuhr serbischer Agrarprodukte negativ aus – das Absatzgebiet Balkan brach ein, was durch die Balkankriege 1912/3 verschärft wurde.
Mit den beiden letzteren Beobachtungen sind wir schon bei der Frage nach strukturellen Ursachen der wirtschaftlichen Entwicklungsprobleme der Donaumonarchie. Und da müssen wir uns unbedingt der „nationalen Frage“ zuwenden
3. Das Problem der Reichsgestaltung 1848 – 1861 – 1867
Während Kaiser Franz Joseph ab 1849 einen absolutistisch regierten Einheitsstaat zu errichten begann, trat das nationale Problem vorübergehend in den Hintergrund. Gut – in Ungarn und Oberitalien wurde mit Polizei und Militär regiert, aber ansonsten war Ruhe. Die Bürokratie schuf Ministerien, Landesverwaltungen, Bezirkshauptmannschaften, staatliche Gerichte und Finanzämter – kurz, der Staat erhielt ein neues, bürokratisches Unterfutter. Diese Geschichte endete mit der militärischen Katastrophe in Oberitalien (Solferino 1859), die den jungen Kaiser dazu zwang, ein klein wenig Konstitutionalismus (noch lange nicht: Demokratie!) zuzulassen: Ohne parlamentarische Budgetkontrolle würde es von den Banken kein Geld mehr geben – so lautete die Botschaft des Finanzministers, und so musste der Kaiser schweren Herzens wieder eine Art Volksvertretung zulassen.
Diese Volksvertretung „vertrat“ nur den Adel, das Bildungsbürgertum und die Steuerzahler, soweit sie Grund- und Erwerbssteuern über einer gewissen Summe pro Jahr zahlten. Damit war zunächst zweierlei gesichert: Einmal die Ausschaltung aller Besitzlosen und damit aller „radikalen Elemente“ aus der politischen Mitbestimmung. Und zweitens glaubte man, durch dieses Wahlrecht dauerhaft die politische Vorherrschaft „der Deutschen“ gesichert zu haben, denn, so lautete die Annahme, „Besitz und Bildung“ seien jedenfalls mehrheitlich deutsch und damit würde dieses eingeschränkte Wahlrecht eine deutsche Mehrheit sichern.
Im Prinzip ging dieses Wahlrecht vom Gemeindewahlrecht aus – hier war es auch am breitesten. Das Wahlrecht für die Landtage war schon stärker eingeschränkt, außerdem war für die bäuerliche Bevölkerung, die Kurie der Landgemeinden, nur ein indirektes Wahlrecht vorgesehen (wie heute noch bei den amerikanischen Präsidentenwahlen). Zwar wurde in Prag 1861 schon eine tschechische Mehrheit gewählt, und ein tschechischer Kandidat wurde Bürgermeister – es gab also auch außerhalb der Deutschen schon Besitz und Bildung! Aber im Großen und Ganzen funktionierte das Wahlrecht doch so, wie sich das die Erfinder vorgestellt hatten. Das Parlament selbst, der Reichsrat, bestand aus zwei Kammern. Das Oberhaus rekrutierte sich aus dem Herrscherhaus und aus den Häuptern der wichtigsten Adelsfamilien, dazu kamen persönliche Ernennungen (unter anderem wurde Franz Grillparzer zum Mitglied auf Lebenszeit ernannt). Die untere Kammer, das Abgeordnetenhaus, wurde von den Landtagen so beschickt, dass es ein Abbild der Verhältnisse in den Landtagen bot.
Von Demokratie war da noch kaum die Rede – überhaupt hatte der Begriff „Demokratie“ in dieser Zeit noch einen sehr üblen Leumund: Das klang verdächtig nach Revolution, nach Umsturz der bestehenden Verhältnisse! Unter den die Mehrheit stellenden deutschen Liberalen der verschiedenen Schattierungen gab es kaum einen „Demokraten“. Tatsächlich verstand sich das Parlament auch als Interessenvertretung (der Steuerzahler), nicht als Volksvertretung.
Das Modell von 1861 scheiterte am Boykott der Ungarn. Die beschickten den Reichsrat nicht.
Nach einer kurzen Episode 1861 wurden sie bis 1866 wieder von Wien aus regiert. Aber das ungarische Problem konnte auf Dauer nicht ignoriert werden – das historische Ungarn war größer als der „Rest“ der Monarchie!
Um die Mitte der 1860er Jahre kam etwas Bewegung in die Sache, der Führer der Ungarn, Franz Deák, deutete eine mögliche Lösung an – den Dualismus. Die Niederlage von Königgrätz 1866 zwang den Kaiser zu doppelten Nachgeben: Gegenüber den Ungarn und ein bisschen auch gegenüber den österreichischen Liberalen. Denn für das Zugeständnis der Zustimmung zum so genannten „Ausgleich“ mit Ungarn musste ihnen der Kaiser die „Dezemberverfassung“ gewähren, eine Gruppe von fünf Staatsgrundgesetzen, von denen für die weitere Geschichte jenes über die Rechte der Staatsbürger wohl das wichtigste war (1867). Nun wurde Franz Joseph zum König von Ungarn gekrönt und leistete den Eid auf die wieder hergestellte, wenngleich etwas modifizierte ungarische Verfassung.
Man konnte ab nun herrlich darüber streiten, ob die Monarchie aus zwei Staaten bestand oder vielleicht aus drei (wenn man nämlich das gemeinsame Auftreten nach außen als Ausdruck der Existenz eines über den beiden Teilstaaten stehenden Überstaates interpretierte) – ?
Ab 1867 existierten jedenfalls zwei Parlamente, zwei Regierungen, zwei getrennte staatliche Verwaltungen, zwei getrennte Justizsysteme usw. Gemeinsam waren neben dem Herrscher die Außenpolitik und die gemeinsame (k.u.k.) Armee, sowie ein Finanzministerium für die Finanzierung dieser beiden Angelegenheiten. Dafür gab es auch drei gemeinsame Minister, deren Treffen von manchen Historikern auch als eine Art „Reichsregierung“ interpretiert werden. Die gemeinsamen Budgets wurden von Ausschüssen der beiden Parlamente, den so gen. „Delegationen“, beschlossen und kontrolliert.
Man nahm an, dass der so genannte „Dualismus“ im Osten die Herrschaft der Ungarn, im Westen die Herrschaft der Deutschen bedeuten würde. Für Ungarn stimmte das auch – Das Königreich war von einer magyarischen oder magyarisch gesinnten Herrschaftsklasse dominiert, die aus Hochadeligen und der sog. „Gentry“ bestand. Die letztere rekrutierte sich aus dem sehr breiten, religiös oft calvinischen Kleinadel und aus jenen Aufsteigern in die Bildungs- und Beamtenschichten, die mit ihrem Aufstieg die sich die Ideale des Kleinadels aneigneten und fast immer auch einen Adelstitel erreichten. Diese zwar von der Herkunft, nicht aber von ihren Anschauungen her unterschiedliche Schicht war fest entschlossen, die magyarische Herrschaft innerhalb Ungarns zu bewahren und auszubauen und gleichzeitig möglichst viele Zeichen der vollendeten Unabhängigkeit gegenüber Wien zu setzen oder auch zu bekommen (etwa: Honvédartillerie). Das funktionierte auch deshalb recht gut, weil die ungarische Herrschaftsklasse die Akzeptanz der ungarischen Sprache und Tradition umgehend belohnte und dabei nicht kleinlich war – Deutsche, Juden, Slowaken, Serben oder Rumänen brauchten „nur“ als Ungarn aufzutreten und die magyarische Vorherrschaft zu bejahen – schon waren sie als Ungarn akzeptiert. Der ungarische Nationalismus war inklusiv, nicht exklusiv.
Zunächst ähnlich erschien die Situation im Westen, dem Teilstaat „der im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder“: Sozialer Aufstieg war durch das Erlernen der deutschen Sprache und das Durchlaufen deutscher Bildungsinstitutionen auch für Nichtdeutsche möglich. Damit sind die Analogien zu Ungarn aber auch schon erschöpft. Betrachtet man nur den Hochadel der österreichischen Reichshälfte, so war der mehrfach gespalten: Die polnischen Adeligen waren ein sehr exklusiver Verein, ebenso der böhmische Hochadel – beide gehörten mit überaus reichen Familien zu den Spitzen der Gesellschaft, aber sie bildeten zwei verschiedene Adelsgesellschaften. Der böhmische Adel war außerdem noch geteilt in einen konservativen, eher traditionalistisch-föderalistisch eingestellten Flügel mit tschechischen Neigungen, und einen eher liberalen, der sich im „verfassungstreuen Großgrundbesitz“ als gemäßigte deutsche Partei etablierte. Ähnlich auch der Adel im heutigen Österreich und Slowenien: Sprachlich durchwegs deutsch, war er politisch in Deutsch-liberale und Konservativ-föderalistische gespalten, wobei der letztere Flügel auch zu diversen Zugeständnissen an die Nichtdeutschen bereit war.
Außerdem war der westliche Teilstaat der Monarchie, anders als das einheitliche Königreich Ungarn (von Kroatien sehen wir jetzt einmal ab), staatsrechtlich ein Konglomerat aus drei Königreichen (Böhmen, Galizien und Dalmatien), zwei Erzherzog- und mehreren „normalen“ Herzogtümern (Ober- und Niederösterreich sowie Salzburg, Kärnten, Steiermark, Krain, Schlesien und Bukowina), einer Markgrafschaft (Mähren) zwei gefürsteten Grafschaften (Tirol und Görz) usw. Und mit diesem verschiedenen „historisch-politischen Individualitäten“ verbanden sich verschiedene Sprachen bzw. Sprachprobleme. Wirklich einsprachig waren im Wesentlichen nur Vorarlberg, Salzburg und Oberösterreich, während Tirol, Kärnten, Steiermark, Krain, Görz, Mähren, Dalmatien und Böhmen zweisprachig waren, Triest und Istrien dreisprachig, ebenso Galizien, Schlesien und die Bukowina (hier gab es sogar fünf „landesübliche“ Sprachen). Niederösterreich hatte an seiner Nordgrenze kleine tschechische Gemeinden, in seiner Mitte aber lag Wien, das zwar vielsprachig war, das aber als „deutsche“ Stadt reklamiert wurde.
Und dieser westliche Teilstaat hatte in seiner Dezemberverfassung 1867 im Grundgesetz über die Rechte der Staatsbürger seinen zahlreichen „Volksstämmen“ die sprachliche Gleichberechtigung und das Recht zur Pflege ihrer Nationalität verbrieft (Artikel 19) – wenn und insoferne diese Sprachen „landesüblich“ waren.
4. Die Religion des Nationalismus und ihre Heiligen
Das alles scheinen rein rechtliche Fragen zu sein, Fragen der Landersverfassungen sowie der Schul-Verwaltungen, Fragen der Justiz – denn das sind die Felder, auf denen man sich hauptsächlich stritt. Aber die wachsende Intensität dieser bekannten Nationalitätenkonflikte ist eben nicht nur Ausdruck bestimmter Gegensätze, die mit Änderungen in den Landesverfassungen, der Schulverwaltung und der Justiz leicht zu befriedigen gewesen wären. Dahinter stand der Wandel von Sachfragen, wo und wie welche Sprachen einzusetzen seien, zu viel tiefer gehenden Problemlagen. Zunehmend wurde nämlich die „Nationalität“, der ein Jemand angehörte, von einer rein praktischen Herkunfts- und allenfalls Sprachenfrage zu einer Frage der so genannten „Identität“. Und damit rückte die Nationalität, das nationale „Bekenntnis“ in höchst emotionale Zonen menschlichen Denkens und Handelns. Die Nation wurde immer mehr zu einem Gegenstand der Reflexion, aber noch mehr: Der Verehrung und des Kampfes. Nationale Kämpfe wurden zu modernen Glaubenskriegen. Der moderne Nationalist glaubt nicht mehr an einen Gott der Transzendenz, sondern an die Nation, sie ist sein Heiligstes, für das es sich opfert, und das er verehrt und anbetet. Einer der jüngeren Forsche auf diesem Gebiet, Ernest Gellner, hat das auch so ausgedrückt: Im modernen Nationalismus verehrt sich die Nation selbst als Gottheit. Die Nation als Heiligstes wird, was nur natürlich ist, zum Gegenstand einer innerweltlichen Erlösungshoffnung.
Nationen verehren nicht nur ihre Gottheit (das heißt – sich selbst), sondern auch ihre Heiligen, die Märtyrer (Opfer Habsburgs – etwa die 13 Märtyrer von Arad in Ungarn!) und die Propheten (Dichter, Journalisten, Künstler) der Nationen. Dabei wird nun der reiche Fundus der Geschichte geplündert: Die sinnstiftenden Persönlichkeiten und Ereignisse der je einzelnen Nationen werden in der Geschichte gesucht und natürlich auch gefunden. Jetzt, im 19. Jahrhundert, werden diesen Göttern und Heiligen Tempel errichtet, Denkmäler und Erinnerungszeichen aller Art (etwa: Geldscheine). In Europa steht nicht mehr das Christentum im Vordergrund religiöser Anschauungen und Anstrengungen, sondern die Nationen, wobei es durchaus auch zu eigentümlichen Vermengungen traditionell-christlicher und modern-nationalistischer Vorstellungen und Gedenkinstitutionen kommen kann (z.B. die Kirche Sacre Coeur in Paris!). Als säkularisierte Religionen werden die verschiedenen Nationalismen daher auch dort rascher entwickelt, wo traditionelle Religiosität bereits brüchig geworden war – also bei den Bildungsschichten. Die begeisterten „Patrioten“ (wie sich selbst nannten) waren zunächst nur eine kleine Gruppe, die voll Eifer die Sprache, das sprachliche und sonstige kulturelle Erbe und die glorreiche staatliche Vergangenheit ihres „Volksstammes“ suchten. Erst allmählich gewann ihr Wirken an Breite, doch war es bis 1848 zumindest bei den Tschechen und Deutschen schon so weit, dass nationales Bewusstsein im modernen Sinne eine breitere Resonanz fand.
Es war nun das zentrale Problem des habsburgischen Mitteleuropa, dass das, was Dichter, Publizisten und Historiker in der Vergangenheit fanden und zum neuen nationalen Mythos umformulierten, nicht selten der Konstruktion des Gegeneinander dienlicher waren als des Miteinander (das gab es auch: Stifters „Witiko“ ist der Versuch, ein Mittelalter zu zeigen, in dem Deutsche und Tschechen einträchtig mit- und nebeneinander wirkten – aber Stifter war eben kein Nationalist!).
Beginnen wir bei den Slawen. Auf die Bildungseliten der slawischen Völker wirkte sich insbesondere das Slawenkapitel Johann Gottfried Herders aus. Herders Buch beschrieb die Slawen als gutmütige, friedliebende Ackerbauern, die von ihren kriegerischen westlichen Nachbarn (den Deutschen) bedrängt und partiell unterjocht wurden. Nun aber würden sie erwachen und auf Grund ihrer zahlenmäßigen Stärke eine bedeutende Rolle spielen. Und Herder wies besonders auf diesen Zusammenhang hin: Das kommende Zeitalter sei das der Demokratie, und auf Grund ihrer demokratischen Traditionen würden die Slawen in diesem Zeitalter der Demokratie eine bedeutende und vorbildliche Rolle spielen. Man kann sich vorstellen, dass diese Herder’sche Vision die Vordenker des „nationalen Erwachens“ (dieses Bild des langen Schlafes, aus dem die Völker nun erwachen werden, ist auch bei Herder da!) nur beflügeln konnte: Man war ja welthistorisch gesehen auf der richtigen Seite, während die Feudalismus und Unterdrückung verbreitenden, bisher immer überlegenen Deutschen jetzt plötzlich wesentlich weniger wichtig waren.
Die wichtigste slawische Nation der Habsburgermonarchie waren die Tschechen. Wir können hier nur auf einige wenige Bestandteile der tschechischen Nationalmythologie verweisen: Da ist einmal die zauberkundige Libussa, die Libuše, die den Pflüger Přemysl (Primislaus) heiratet, der zum Gründer von Prag wird und dem böhmischen Königsgeschlecht seinen Namen vermachen wird. Dieser königliche Pflüger tritt ja auch in anderen Mythen auf etwa Piast bei den Polen usw. (ein Rest davon auf dem Jodok-Fink-Platz vor der Piaristenkirche in Wien – der Vorarlberger Bauer Jodok Fink wird “vom Pflug“ gerufen, um das Vaterland in schweren Zeiten zu führen zu helfen). Auch Karls IV. wird gedacht, des großen Königs, Kaisers und Bauherrn, der in Prag und Karlstein seine Spuren hinterlassen hat. Während diese Mythologeme eher neutral sind, erscheinen die folgenden beiden eher geeignet zur Pflege antagonistischer Anschauungen: Da ist einmal der Tod des großen Königs Ottokar II. Přemysl 1278 auf dem Marchfeld – gegen Rudolf von Habsburg. Ausgerechnet die Habsburger würden im 16. Jahrhundert das Erbe der heimischen Könige antreten! Und sich mit Brutalität behaupten: Die so genannte „Schlacht am Weißen Berg bei Prag“ („Bila hora“) habe den Untergang der tschechischen Freiheit und Eigenständigkeit gebracht, ein Zeitalter der Finsternis (obdobe temná) habe nun begonnen, das erst im Zeichen der Aufklärung langsam helleren Zeiten wich. Nun haben in dieser Schlacht auf beiden Seiten Söldnertruppen gekämpft, keine „Nationen“ – Söldner für den böhmischen Gegenkönig, Ruprecht von der Pfalz, auf der einen, Söldner für den bayerischen Herzog und den Kaiser und legalen böhmischen König Ferdinand II. auf der anderen Seite. Der Mythos macht daraus den Urgrund aller Schwierigkeiten, denen die Tschechen seither ausgesetzt waren, der Unterdrückung ihrer Sprache (die freilich erst mit Maria Theresia begann!) usw. Klar – Das „Zeitalter der Finsternis“ ist die Zeit der katholischen Gegenreformation, die Zeit des Blutgerichtes am Altstädter Ring und der Ausweisung der protestantischen Adeligen und Bürger (unter ihnen zahlreiche Deutsche), ist die Zeit der Dominanz der und des Deutschen,, die die deutschen Habsburger durchsetzen, um das tschechische Volk in Knechtschaft nud Versklavung zu halten.
Damit lassen wir die slawischen Völker, wo überall analoge Erzählungen die guten Eigenen und die bösen „Fremden“ gegenüberstellten, einmal beiseite. Wenden wir uns den Ungarn zu. Der Gründungsmythos des modernen Ungarn ist die Landnahme durch Arpad, die auf das Jahr 896 datiert wird. Im Hochmittelalter erweiterte man diesen Mythos um die schöne Vor-Geschichte von Hunor (von ihm stammen die Hunnen ab) und Magor, aber das würde hier zu weit führen. Für unser Problem wichtig: Die Geschichte Ungarns in der Neuzeit ist die Geschichte eines ununterbrochenen Kampfes gegen die Fremdherrschaft, gegen die Türken auf der einen, gegen die Deutschen – die Habsburger – auf der anderen Seite. Und da reiht sich eine Katastrophe an die andere: Mohács, die diversen nationalen Prätendenten, die letztlich alle unterliegen (oder sich alles abhandeln lassen), die Rákoczis, Nadasdys, Tattenbach, Frankopan usw., alles tragische Opfer in einem endlosen Kampf, in dem die Akzeptanz der Pragmatischen Sanktion durch den ungarischen Reichstag eine Art Waffenstillstand besiegelt, doch 1848 bricht der Kampf erneut auf und er endete wieder einmal tragisch – mit der Gefangennahme und Fesselung der guten milden Mutter Hungaria durch wilde Barbaren, die unschwer als Deutsche (=Österreicher) und Russen erkennbar sind. –
Kurz und gut: Das nationale Problem, die nationale Frage, ist nicht nur eine Frage des Rechtes, sondern eine Frage des Glaubens, der Religion, und die nationalen Kämpfe der späten Habsburgermonarchie zeigen ja auch Ingredienzen von Glaubenskriegen.
Was können die Habsburger dagegen setzen? Traditionelle Inhalte: Rudolf von Habsburg und der Priester kommt da immer wieder, Marias Theresia, die mütterliche Majestät, die Kämpfe gegen Napoleon und ihr Feldherr, der Erzherzog Karl.
5. Demokratie als Medizin gegen Nationalismus – das Problem der Wahlreform
Wahlrechtserweiterungen wurden in der ungarischen Reichshälfte von den dortigen Eliten immer erfolgreich abgewehrt. Anders in der österreichischen. Hier waren Wahlrechtsänderungen zunächst einmal ein Instrument, mit dem sich die jeweils Regierenden gewisse Vorteile sichern wollten – so wie überall in der Welt. Das begann 1873 mit dem direkten Wahlrecht in den Reichsrat, mit dem die deutschen Liberalen den Widerstand der Tschechen umgehen wollten, die sich weigerten, Abgeordnete aus dem Landtag nach Wien zu wählen. Das setzte sich in den 1880er Jahren fort, als die jetzt konservative Parlamentsmehrheit der Ära Taaffe das Wahlrecht in Richtung etwas weniger bemittelter Wähler erweiterte, um die großbürgerlichen Liberalen zu schwächen. Als dieser Ministerpräsident jedoch 1893 einen revolutionären Vorschlag zur Verbreiterung des Wahlrechtes machte, verweigerten ihm „seine“ Parteien das Gefolge und er trat zurück. Dann kam 1897 die so genannte „Allgemeine Kurie“, in der alle erwachsenen Männer wahlberechtigt waren, aber nur einen kleinen Teil der Abgeordneten bestimmen durften. Und schließlich der Kampf um das allgemeine Männerwahlrecht, der seit 1905 besonders lebhaft wurde, als im Gefolge der russischen Revolution auch in der Habsburgermonarchie die Forderungen nach mehr Demokratie immer lauter wurden. Getragen wurden sie hauptsächlich von der Sozialdemokratie, dagegen waren die alten Parteien, aber die spielten schon keine große Rolle mehr. Die Slawen waren natürlich für das allgemeine und gleiche Wahlrecht, die Deutschen hingegen waren skeptisch: Mit einem Drittel der Bevölkerungszahl Österreichs konnten sie nicht (mehr) mit einer parlamentarischen Mehrheit rechnen. Also begann der große Handel: Vor allem gab es jetzt viel mehr Abgeordnete (mehr als 500!), und die wurden mehr oder minder gerecht verteilt, und vor allem so, dass jeder Abgeordnete jedenfalls sicher einer Nation zuzuzählen war. Zwischennationale Wahlkämpfe um Abgeordnetensitze sollte es also nicht mehr geben. Freilich blieb ein Rest des alten Steuer-Prinzips erhalten: Jene Nationen, die mehr Steuern zahlten, wurden besser berücksichtigt als andere, denen man weniger Steuern zurechnete. Dadurch blieben die ärmsten Gruppen, Galizier und Dalmatiner, relativ unterprivilegiert, aber immerhin erhielten auch die Ukrainer Galiziens jetzt mehr Mandate, als sie bisher besetzen konnten.
Die leitende Idee des allgemeinen Wahlrechtes war die Ersetzung der nationalen Kämpfe durch soziale Auseinandersetzungen: Wenn die Massen der Arbeiter und kleinen Bauern, die von den nationalen Kämpfen sowieso keine Vorteile zu erwarten hatten, im Parlament vertreten wären, würden sie für ihre wirtschaftlichen und sozialen Probleme eintreten und die nationalen Belange würden in den Hintergrund treten. Tatsächlich waren im 1907 gewählten Reichsrat (allgemeines gleiches Wahlrecht) nur wenige wirkliche Arbeiter vertreten, sondern hauptsächlich Gewerkschaftssekretäre und Funktionäre der Krankenkassen der Arbeiter. Und bald kam die große Enttäuschung: Bei den so genannten „nationalen Fragen“ orientierten sich auch die Arbeiterfunktionäre und die Bauern nicht primär an ökonomischen Interessen, sondern an den nationalen Hoffnungen und Ängsten. Und die zweiten Wahlen nach dem neuen Wahlrecht – 1911 – sahen überall nationalistische Parteien als Sieger. Bei den Deutschösterreichern dominierten nicht mehr die Christlichsozialen und die Sozialdemokraten, sondern die Deutschnationalen.
6. Radikalisierungen des Nationalismus – Schönerianer und „Los von Rom“, italienische Irredentisten, Russophile, Neoslawismus und Jugoslawismus, radikaler Magyarismus und Großrumänen
Verschiedene Wellen nationalistischer Radikalisierungen erschütterten nicht nur die Habsburgermonarchie, sondern ganz Europa. Die Attentäter von Sarajevo waren nur besonders prominenten und bekannten Propheten ihrer nationalen Religion geworden, mit ihrem Opfermythos, ihren Helden und Heiligen, und ihrem Gott, der (eigenen!) Nation. Wir können diese Radikalisierung bei praktisch allen „Volksstämmen“ der Monarchie beobachten: bei den Deutschen, den verschiedenen slawischen Völkern, den Magyaren, den Italienern. Bei den Deutschen nahm die Radikalisierung die Form der „Los von Rom“-Bewegung und eines irredentistischen Nationalismus an, der in seiner radikalsten Form die Zerschlagung der Monarchie und den Anschluss der Gebiete,. Die früher zum Deutschen Bund gehört hatten, an das Deutsche Reich forderten. Der Hauptpropagator dieser Richtung war „Ritter Jörg“, Georg von Schönerer, der im Waldviertel als Advokat bäuerlicher Anliegen Erfolge gefeiert hatte, bevor er seine Karriere durch seinen tätlichen Angriff auf die Redaktion einer liberalen Wiener Zeitung und der anschließenden Verurteilung beendete. Freilich blieb dieser radikalste Deutschnationalismus immer in der Minderheit, erreichte aber in so genannten nationalen „Kampfgebieten“ (Böhmen, Untersteiermark) doch beachtliche Dimensionen man kann das im Stadtbild zahlreicher Kleinstädte an den ab etwa 1895 gebauten evangelischen Kirchen studieren!).
Nur ein kurzer Hinweis auf die Magyaren: Hier war der Nationalismus gemeinsames Glaubensbekenntnis aller politisch Führenden, allen war gemeinsam, dass nur dem magyarisch sprechenden Ungartum die Alleinherrschaft in Ungarn gebühre. . Unterschiede gab es nur in Nuancen:
Bei verschiedenen slawischen Intellektuellen und Politikern wiederum gab es den „Neoslawismus“, eine Art Neuauflage des Panslawismus vergangener Zeiten. Das führte auch zu verschiedenen Annäherungen und Bündnisse, etwa zwischen Tschechen und Slowenen, auch auf dem wirtschaftlichen Gebiet. Andererseits waren aber alle nationalistischen Strömungen doch primär auf sich selbst bezogen – insbesondere die tschechischen Nationalisten, die mit dem Wahlerfolg der Jungtschechen 1890 enormen Aufwind bekamen, betonten unablässig, dass sie die künftige Eigenstaatlichkeit, von der sie unablässig sprachen und für die sie arbeiteten, aus eigener Kraft erreichen wollten, eben wie das anerkannt hohe kulturelle Niveau der tschechischen Bevölkerung (hatten weniger Analphabeten als die Deutschen!).
Offenkundig unterschätzt hat man – gegenüber der dauernden Präsenz des böhmischen Problemes in der politischen und publizistischen Öffentlichkeit – in den Hauptstädten der Donaumonarchie jene Frage, die sich letztlich als sprengend erwies: Die südslawische Frage. Sie hatte mehrere Facetten. Beginnen wir im Nordwesten, so standen hier die Slowenen in Konkurrenz mit Italienern (Triest, Küstenland) und Deutschen (Krain, Steiermark und Kärnten), die dem 1848 erstmals formulierten Ziel eines eigenen Kronlandes „Slowenien“ erbitterten Widerstand entgegensetzten. Gegen diese zu starken Konkurrenten verbündeten sich die Slowenen ab etwa 1909 mit den Kroaten, von denen aber nur relativ wenige in „Österreich“ lebten (in Istrien und Dalmatien), der größte Teil von Ihnen lebte aber im Königreich Kroaten, das mit Ungarn verbunden war und seit 1868 eine gewisse Autonomie gegenüber Ungarn genoss. Eine staatsrechtliche Verbindung von Slowenen und Kroaten hätte daher eine Veränderung der ungarischen Verfassung ebenso wie der österreichischen bedeutet, hätte den „Ausgleich“ von 1867 verändert usw. Das war eigentlich nicht wirklich zu erwarten. Umso stärker wurde die Agitation für ein – noch habsburgisches – Jugoslawien, einen Staat der habsburgischen Südslawen in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg. Da wurden – theoretisch – auch die Serben einbezogen, die nicht nur in Südungarn (in der Vojvodina) lebten, sondern auch in Kroatien (in der ehemaligen Militärgrenze) und in Bosnien.
Die Serben hatte als einzige unter den habsburgischen Südslawen einen eigenen Staat außerhalb der Monarchie: Serbien, das sich zunehmend als „Piemont“ der Südslawen verstand. Von dort wurde eine lebhafte Agitation gegen die Habsburger und für einen zukünftigen südslawischen Staat unterstützt, bis hin zur Hilfe für die Attentäter von Sarajevo.
Ohne dass man da irgendetwas entschuldigen sollte: In der Politik gegenüber den Südslawen fiel der Politik in Wien und Budapest gar nichts ein. Nicht einmal das so genannte „Kmetenproblem“ wurde gelöst – das war die feudale Abhängigkeit christlicher (in Bosnien überwiegend: serbischer) Bauern von muslimischen Grundherren, den Agas. Die Kmeten hatten auch unter Österreich-Ungarn an die Agas Abgaben zu leisten. Erst sehr spät wurde eine Bank gegründet, über die die Kmeten dann mit einer einmaligen Ablöse diese Abhängigkeit loswerden hätten können. Bei der Geldknappheit in dieser Region hätte das wohl nur zu einer starken Verschuldung der Bauern bei der Bank geführt. Für die Unzufriedenheit der Serben in Bosnien kann man dieses Problem als realistischen Hintergrund beschreiben. Der Rest ist die nationale Religion jugendlicher Fanatiker, die versuchten, mit Bomben und Revolvern die Welt zu verändern.
