Gesendet: Donnerstag, 09. Januar 2014 um 00:06 Uhr
Von: „Wilhelm Groß“ wilhelm.gross.artstetten@gmx.at
An: wilhelm.gross.artstetten@gmx.at
Betreff: Meine erste Nachricht im neuen Jahr
Artstetten, den 9.Jänner 1914
Liebe Freundin, lieber Freund,
einige von Euch haben sich bei mir gemeldet und wollten wissen, warum es mich so sehr nach Artstetten gezogen hat:
Nun, ich bin hier mein eigener Herr. Die Schule ist 3-klassig – und ich behauptete immer, eine richtige Schule fange erst bei 3-klassigen an. Schließlich das warme Klima (Obst) und die Verkehrsmöglichkeiten hatten mich angezogen.
Die Wohnung ist gleich neben der Schule. Im Obst- und sogar im Gemüsegarten standen die Bäume viel zu dicht. Da ich aber zuerst die verschiednen Sorten kennen lernen wollte, ließ ich Sie nur ausputzen. Die Obsternte in meinem ersten Jahr hier, 1912 war gut. Letztes Jahr haben wir den verwilderten Grasboden des Obstgartens – viele Nesseln wuchsen darin – umgestochen und die zu dicht stehenden Bäume ausgegraben, die kleine Baumschule neu angelegt. Im Gemüsegarten stehen einige Rosenstöcke und links von der Haustür eine Sommerlaube, ganz von Efeu und wildem Wein überzogen.
Im Frühjahr vor nunmehr fast 2 Jahren, 1912, wurden übrigens auf Anregung des Erzherzogs Franz Ferdinand 880 Obstbäume auf Rainen und Wiesen gepflanzt.
Ein paar Worte noch zu meiner neuen Schule, die ich bei Dir gut aufgehoben weis (da ich niemanden zu nahe treten möchte):
Die Disziplin war locker, der Schulbesuch mangelhaft, der Erfolg ließ zu wünschen übrig.
Mein Vorgänger, Hr. Oberlehrer Formanek, sicher ein intelligenter Schulmann, war oft krank, hatte häufig Urlaub gehabt, und die jungen Aushilfskräfte kannten sich ohne Führung nicht aus. So war in der 2. Klasse, die ich übernahm, der unbegrenzte Zahlenraum entwickelt worden, wenigstens wurden die 4 Grundrechnungsarten geübt, wie die Hefte zeigten, aber das „1 mal 1“ war vernachlässigt worden. Da hieß es weit zurückgreifen.
In der 1. Klasse, die das unfreundlichste Lehrzimmer hatte, wirkte Frl. Rosa Huber, die mehr als 40 Jahre alte Tochter eines früheren Oberlehrers. Sie hatte spät und dazu alles privat studiert und war immer in Artstetten in der 1. Klasse gewesen. Sie war fleißig, zu gut, und nicht besonders geschickt; dafür konnte sie gut Orgel- und Violinspielen.
Herr Vyroubal, ein nationaler Tscheche war fleißig, doch übersah er in gewissen Zeiten sehr viel. So waren die Pulte der Knabenbänke ganz zerschnitten. Hie und da war er eingeschlafen.
Früher war eine aus Warschau gebürtige Lehrerin an der Schule gewesen; also ein würdiges Kleeblatt einer deutschen Schule in Österreich.
Letzten Sommer wurde endlich – auf mein Drängen hin – die Brücke zwischen Artstetten und Fritzelsdorf um den Betrag von 1.900 Kronen wieder aufgebaut, da die Fritzelsdorfer Kinder bei Hochwasser nicht zur Schule kommen konnten
.
Wenn kann ich dir noch nennen, bevor ich meine E-Mail für heute abschließe?
Unser Herr Pfarrer Kubski ist ein feiner Pole, der nie politisiert. Recht nahe sind wir uns bisher aber noch nicht gekommen.
Ja, dann sind da der Herr Verwalter Beer und die Frau Postmeister Berta Stenzel, die Tochter eines Arztes aus Freiwaldau in Preußen, bald 50 Jahre alt. Mit den beiden habe ich mich auf einem Ball an meinem ersten Tag in Artstetten, am 4. Februar vor zwei Jahren, gleich recht gut unterhalten.
Ich schließe für heute, will dir aber bald wieder schreiben. Ich hab nämlich neulich von meinem Vorgesetzten, Herrn Inspektor Sigl in Pöggstall – einem liebenswürdigen und feinem Herrn – erfahren, dass meine Anstellung in Artstetten, aufgrund der öfteren Anwesenheit Seiner Kaiserlichen Hoheit, des Herrn Erzherzogs Franz Ferdinand, nicht ganz einfach war.
In Verbundenheit,
Euer Wilhelm Groß
PS: Nochmals meine Bitte. Wenn ihr E-Mail- Adressen von unseren Freunden habt, dann lasst Sie mir zukommen, damit ich ihnen auch schreiben kann.
