Gesendet: Donnerstag, 23. Januar 2014 um 22:42 Uhr
Von: „Wilhelm Groß“ wilhelm.gross.artstetten@gmx.at
An: wilhelm.gross.artstetten@gmx.at
Betreff: Bericht aus dem winterlichen Artstetten

Artstetten, den 23.Jänner 1914

Liebe Freundin, lieber Freund,

ich melde mich aus dem winterlichen Artstetten.

Gestern und heute weilte Franz Ferdinand zur Besichtigung des umgebauten Schlosses hier. Im Frühjahr vor 2 Jahren war mit dem Umbau begonnen worden. Die früher zuckerhutförmigen, mit rheinischem Schiefer gedeckten Türme wurden in zwiebelförmige umgebaut und mit Kupfer, die übrigen Dachteile mit Biberschwanzziegeln gedeckt. Ein Zubau mit 2 Türmen erstand und die elektrische Beleuchtung (auch auf dem Kirchenchore) wurde eingeführt. Auch der aus dem westlichen Teile des Parkes zur Maria-Tafler-Straße führende Verbindungsweg wurde zur Straße umgebaut. Und letztes Jahr gab es viel Arbeit, insbesonders im Schlosspark.

Franz Ferdinand besucht bei seinen Aufenthalten stets Herrn Dechant Dobner von Dobenau in Maria Taferl, hat jüngst einen schönen Altarteppich gespendet und den Hochaltar reich versilbern und vergolden lassen. Aber in der eigenen Schlosskapelle, die auch unsere Ortskirche ist, ist bisher nichts geschehen.

Einmal ließ sich F.F. auch herab, zum Kaufmann Eduard Rind, einem Juden, ins Geschäft zu treten, wo er einige Kaffeehäferl aussuchte. Er sprach den Kaufmann mit „Herr Eduard“ an. Auch beim Gastwirt Kienberger trank er 1/8 Liter Gespritzten; er war natürlich stets in Begleitung.

Bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass ich euch – ganz im Vertrauen – schreiben wollte, was ich von meinem Vorgesetzten, Herrn Inspektor Sigl erfahren habe:
Herr Sigl setzte bei meiner Besetzung große Hoffnung in mich, da er meinte, dass der neu zu bearbeitende Boden durch die öftere Anwesenheit Seiner Kaiserlichen Hoheit, des Herrn Erzherzogs Franz Ferdinand, besonders heikel sei, kurz, er war ängstlicher als ich.

Vor ein paar Jahren, etwa 2 Jahre vor meiner Besetzung der Oberlehrerstelle in Artstetten ließ Frau Herzogin von Hohenberg beim Bezirksschulrat Pöggstall anfragen, ob in Artstetten eine Lehrerstelle frei werde und ob hiefür eine passende Lehrperson ausersehen sei. Dieses Schreiben beantwortete Inspektor Sigl bejahend und sagte, dass für die Stelle des Oberlehrers der definitive Lehrer Wilhelm Groß aus Sallingberg in Aussicht genommen sei. – Sonst wäre wohl ein Protektionskind der Herzogin angestellt worden.

Ich schließe hier für heute und wünsche euch weiterhin einen schönen, schneereichen Winter.
Bald werde ich wieder von mir hören lassen.

In Verbundenheit!
Euer Wilhelm Groß