Gesendet: Sonntag, 06. April 2014 um 22:54 Uhr
Von: „Wilhelm Groß“ wilhelm.gross.artstetten@gmx.at
An: wilhelm.gross.artstetten@gmx.at
Betreff: Neuerungen in Artstetten

Artstetten, 6. April (Keimmonat) 1914

Liebe Freundin, lieber Freund,

an einem schönen Frühlingstag, Ostern steht vor der Tür, schreibe ich euch heute aus Artstetten.

Für den Sommer, die Ferien werden vom 16. Juli bis 15. September dauern, haben wir uns im Schulgebäude einiges vorgenommen.

Die Fenster der 1. Klasse, wo seit jeher Fräulein Huber unterrichtet, werden von der Hofseite auf die Gartenseite versetzt, damit das Lehrzimmer nicht mehr so unfreundlich ist.
Die Außenfenster und zwei Türen werden einen neuen Anstrich erhalten. Alle Fußböden werden mit Stauböl eingelassen. Die zwei Schweineställe vom Schupfen werden wir verkaufen und stattdessen einen Hühnerstall herstellen lassen.

Wenn ich zurückdenke, so gab es seit meiner Ankunft hier in Artstetten bisher schon viel zu tun, da die letzten Jahre davor wenig geschehen war. In der Schule hatte ich bald mit der Ordnung der Amtsschriften, alten Kataloge, Amtsblätter, Lehrmittel etc. angefangen. Dabei lernte ich natürlich auch den Stand kennen. Auch die Schüler- und Lehrbücherei wurde geordnet, nach und nach neue Verzeichnisse angelegt.
So hatte ich für Monate genügend Arbeit.

Und auch in unserer Wohnung gab es viel zu tun.
Sie war geräumig, doch niedrig. Bei meiner Ankunft war sie grün gefärbelt, „doch rein eine Proletarierwohnung“, wie Herr Dechant bei seinem Besuche bemerkte. Im Schlafzimmer war ein ganz schöner brauner moderner Kachelofen.
Der Kachelofen im großen Zimmer war wohl so alt wie die Schule und bestand aus verschiedenen Kacheln und war so weit, dass man hätte große Scheiter brennen können.

Schon im Schuljahr 1912 ließ der Ortsschulrat die Wohnung ausmalen und einen von mir ausgesuchten Ofen um 85 Kronen setzen. Als der Rauchfangkehrer kam, machten wir große Augen: Der schwarze Mann musste über dem Herd in der Küche in den schliefbaren Kamin steigen, er musste leider auch hier wieder herauskommen, und das war fürchterlich. Einmal und nicht wieder! Die Anlage musste sofort umgeändert werden.

Auch die Herrschaft schreitet bei ihren Umbauarbeiten voran.
Der hiesige Wagnermeister und Musikant Johann Brunner ist nach Zelking übersiedelt und hat sein Anwesen, das Haus neben dem Pfarrhof, an die erzherzogliche Gutsverwaltung verkauft. Das Haus wird niedergelegt und es wird an derselben Stelle die Lichtzentrale, für die Beleuchtung und Zentralheizung des Schlosses, errichtet.

Nächstes Mal, zum Ende des Schuljahres mit 30. April hin, kann ich dann über die Neuerungen der Unterrichtseinteilung Bilanz ziehen und euch kurz berichten.

Für heute möchte ich mit einem Tipp für alle Musikliebhaber schließen. In Maria Taferl wird es in der Karwoche vorzügliche kirchenmusikalische Veranstaltungen geben. Das genaue Programm findet ihr auf meiner Website unter aktuelles:
http://wilhelm-gross.jimdo.com/aktuelles (nicht mehr existierende Webseite)

In Verbundenheit!
Euer Wilhelm Groß

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Quellenangaben für diese Nachricht:
Lebenslauf Wilhelm Groß / Schulchronik Artstetten / Ybbser Zeitung vom 5.4.1914