Gesendet: Dienstag, 22. April 2014 um 00:06 Uhr
Von: „Wilhelm Groß“ wilhelm.gross.artstetten@gmx.at
An: wilhelm.gross.artstetten@gmx.at
Betreff: Infos zum Schulbetrieb in Artstetten
Artstetten, 21. April (Keimmonat) 1914
Liebe Freundin, lieber Freund,
ich hoffe, ihr habt die Ostertage schön und feierlich verbracht!
Ich hoffe auch, Ihr habt sie weniger aufregend verbracht, als die Insassen des Fesselballons der am Ostersonntag – gleich nach Mittag – ziemlich niedrig über den Schulhof in Artstetten geflogen und dann in Hart Nr. 1 niedergegangen ist. Bei der Landung wurden einige Bäume gestreift und ein Birnbaum zertrümmert. Die Mannschaft blieb unverletzt, der Ballon wurde auf einen Wagen geladen und die Insassen sind mit der Bahn nach Wien gereist.
Am Ende der Mail findet ihr den Bericht aus der Kremser Landzeitung.
Wie in der letzten E-Mail versprochen, will ich euch über den Schulbetrieb in meiner
Schule berichten.
Mit 30. April endet das heurige Schuljahr, das erste mit ungeteiltem Vormittagsunterricht. Ich hatte beim Ortsschulrat die begründete Anregung auf Einführung des ungeteilten Vormittagsunterrichtes abgegeben und war damit durchgedrungen. Ich verspreche mir davon eine Besserung des Schulbesuches und der Lernerfolge. Auf Ansuchen des Ortsschulrates erfolgte am 19. Mai die Genehmigung und Einführung.
Diese Zeiteinteilung gibt es neben Artstetten sonst nur noch in Ottenschlag, die eine Musterschule unter Hracowetz ist und wo ich als definitiver Bezirksaushilfslehrer einige Jahre lang meinen Sitz hatte.
Ich hatte oben aber auch ganz andere Schulen erlebt. Eine Zeit lang war ich in der Schule Grafenschlag, die sich in der denkbar schlechtesten Verfassung befand. Zuerst übernahm ich die erste Klasse, die überfüllt war und einen schwachen Fortgang aufwies, was wohl auf die großen Entfernungen und den schlechten Schulbesuch zurückzuführen war. Nach ein paar Monaten dann die dritte Klasse. Die Kinder konnten nicht sprechen, schlecht lesen und rechnen, von Realien keine Spur.
Der Oberlehrer damals, Leopold Pichler, war ein guter, lieber Mensch, aber – kein Schulmann. Er war auch Postmeister, Regenschori und Buchhalter der Raiffeisenkasse. In der Zwischenstunde lud er den definitiven Lehrer Fritz Sorger und mich täglich auf eine große Flasche Budweiser Bier ein….
Längere Zeit war ich auch in Neukirchen, wo die Menschen gut und gastfreundlich sind, der Schulbetrieb aber schlecht. In fünf Monaten hatte ich kein einziges mal meine Schülerinnen beisammen. Der Wind spielte in dem Bergnest oft sein grauses Spiel, so dass bei den argen Schneeverwehungen häufig kein einziges Mädchen aus dem verzweigten Schulsprengel zur Schule kommen konnte.
Jetzt aber wieder zurück nach Artstetten, wo ich vieles besser machen möchte. Die Ferien dauern heuer von 16. Juli bis 15. September 1914. Sie sind nicht mehr geteilt auch das ist neu. Die letzten Ferien dauerten vom 15. Juli bis 31. August und vom 16. bis 28. September. Die Bevölkerung war sehr an die geteilten Ferien gewohnt und den Lehrpersonen war es gleichgültig, da alle in Artstetten blieben.
Mit erstem Mai beginnt das neue Schuljahr. Der Lehrkörper (Frl. Huber, Hr. Vyroubal und ich) und die Klassenverteilung der ca. 170 Kinder werden gleich bleiben.
Eine kurze Info der Pfarre: Am kommenden Sonntag Quasimodo feiern wir in Artstetten mit 16 Kindern die alljährliche Erstkommunion, am 11. Mai findet die Religionsprüfung statt.
Zum Abschluss möchte ich noch eine Unterhaltung ankündigen, die die Sommerfrischler wieder in der Schule veranstalten werden.
In den Ferien 1913 veranstalteten sie schon eine Unterhaltung, die 138 Kronen einbrachte und die mir für Schulzwecke eingehändigt wurden. Bei dieser Feier überreichte der Herr Bürgermeister die Medaille für 40-jährige treue Dienste dem Herrn Gutsleiter Beer, Frau Fachschuldirektor Czerny hielt eine Ansprache. Herr Adolf
Niesner, k. u. k. Offizial im militär- geographischen Institut, spendete wertvolle Landkarten von der Monarchie und von Niederösterreich.
Herzliche Einladung! Den genauen Termin der heurigen Unterhaltung werde ich euch noch schreiben.
In Verbundenheit!
Euer Wilhelm Groß
Quellenangaben für diese Nachricht:
Lebenslauf Wilhelm Groß / Pfarrchronik Artstetten / Schulchronik Artstetten / Kremser
Landzeitung vom 25.4.2014

