Gesendet: Samstag, 04. Juli 1914 um 09:00 Uhr
Von: „Wilhelm Groß“ wilhelm.gross.artstetten@gmx.at
An: wilhelm.gross.freunde@gmx.at
Betreff: Ruhestätte in Artstetten

Artstetten, 4. Juli (Heumonat) 1914

Liebe Freundin, lieber Freund,

am Sonntagabend die unfassbare Nachricht, schon am Dienstag traf der erste Beamte zur außerordentlichen Inspektion des Postamtes ein.
Es war also gleich in den nächsten Tagen bestimmt, dass das hohe Paar seine letzte Ruhestätte in Artstetten finden sollte. Die nötigen Vorbereitungen zur Beisetzung wurden getroffen. Im Posthause erschienen Beamte und Arbeiter, um hier zwei Telephonzellen und zwei Hughes-Apparate aufzustellen und so den großen Anforderungen des Verkehrs gerecht zu werden.

Journalisten und viele andere Fremde treffen ein. Die Straße gegen Pöchlarn gleicht einem Wallfahrtswege. Auf allen Häusern des Marktes weht die Trauerfahne. Am 3. Juli werden 250 Gendarmen in der Schule einquartiert, ebenso viele in Klein-Pöchlarn. Sie halten in der Nacht und heute Vormittag die Straße besetzt und sperren Artstetten ringsum ab.

Tottraurige Stunden sind über Artstetten hinweggezogen. Wer wird die gestrige Julinacht vergessen, die erhellt war vom milden Mondenschein, erfüllt von lauwarmen Lüften! Sterne glänzten am Himmel, Glühwürmchen sonder Zahl flogen umher und erfüllten die Nacht mit unvergleichlicher Poesie. Der Schlaf wollte nicht kommen. Auf dem Marktplatze war es rege, die Fenster beleuchtet, Wachen zogen auf. Gegen Mitternacht bewölkte sich das Firmament. Nach dem drückend heißen Tage zog ein schweres Gewitter immer näher. Grelle Blitze beleuchteten weithin Weg und Landschaft, ratternd und krachend, als wollte der Himmel durch seine entfesselten Kräfte deutlich bekunden, dass er ob eines himmelschreienden Mordes zürne. Oder wollte er den mächtigen Schall der Geschütze ersetzen, der sonst an dem Grabe großer Krieger furchtbar erdröhnt? Ein wolkenbruchartiger Regen begleitete das Gewitter.

Nach und nach beruhigte sich die Natur, feiner Regen rieselte herab. Da begannen alle Glocken zu läuten und am Eingange des Marktes erschien im morgigen Dämmerlicht der Trauerzug, je ein Viererzug vor den zwei schwarzen Glaswagen, voran zwei Laternenreiter, nachfolgend 3 Autos mit Herren aus der Umgebung des Erzherzogs. Die Bevölkerung des Marktes hatte die ganze Nacht kein Auge zugedrückt; sie empfing den Leichenzug. Frauen weinten, den härteren Männern standen die Tränen in den Augen.

In wenigen Minuten beginnt die Beisetzung. Ich schreibe euch darüber morgen.

In Verbundenheit!
Euer Wilhelm Groß