Gesendet: Dienstag, 28. Mai 1914 um 22:45 Uhr
Von: „Wilhelm Groß“ wilhelm.gross.artstetten@gmx.at
An: wilhelm.gross.freunde@gmx.at
Betreff: Nicht nur Schulbetrieb in Artstetten
Artstetten, 28. Mai (Wonnemonat) 1914
Liebe Freundin, lieber Freund,
ich hoffe, ihr habt die Ostertage schön und feierlich verbracht!
Ich hoffe auch, Ihr habt sie weniger aufregend verbracht, als die Insassen des Fesselballons der am Ostersonntag – gleich nach Mittag – ziemlich niedrig über den Schulhof in Artstetten geflogen und dann in Hart Nr. 1 niedergegangen ist. Bei der Landung wurden einige Bäume gestreift und ein Birnbaum zertrümmert. Die Mannschaft blieb unverletzt, der Ballon wurde auf einen Wagen geladen und die Insassen sind mit der Bahn nach Wien gereist.
Am Ende der Mail findet ihr den Bericht aus der Kremser Landzeitung.
Wie in der letzten E-Mail versprochen, will ich euch über den Schulbetrieb in meiner
Schule berichten.
Mit 30. April endet das heurige Schuljahr, das erste mit ungeteiltem Vormittagsunterricht. Ich hatte beim Ortsschulrat die begründete Anregung auf Einführung des ungeteilten Vormittagsunterrichtes abgegeben und war damit durchgedrungen. Ich verspreche mir davon eine Besserung des Schulbesuches und der Lernerfolge. Auf Ansuchen des Ortsschulrates erfolgte am 19. Mai die Genehmigung und Einführung.
Diese Zeiteinteilung gibt es neben Artstetten sonst nur noch in Ottenschlag, die eine Musterschule unter Hracowetz ist und wo ich als definitiver Bezirksaushilfslehrer einige Jahre lang meinen Sitz hatte.
Ich hatte oben aber auch ganz andere Schulen erlebt. Eine Zeit lang war ich in der Schule Grafenschlag, die sich in der denkbar schlechtesten Verfassung befand. Zuerst übernahm ich die erste Klasse, die überfüllt war und einen schwachen Fortgang aufwies, was wohl auf die großen Entfernungen und den schlechten Schulbesuch zurückzuführen war. Nach ein paar Monaten dann die dritte Klasse. Die Kinder konnten nicht sprechen, schlecht lesen und rechnen, von Realien keine Spur.
Der Oberlehrer damals, Leopold Pichler, war ein guter, lieber Mensch, aber – kein Schulmann. Er war auch Postmeister, Regenschori und Buchhalter der Raiffeisenkasse. In der Zwischenstunde lud er den definitiven Lehrer Fritz Sorger und mich täglich auf eine große Flasche Budweiser Bier ein….
Längere Zeit war ich auch in Neukirchen, wo die Menschen gut und gastfreundlich sind, der Schulbetrieb aber schlecht. In fünf Monaten hatte ich kein einziges mal meine Schülerinnen beisammen. Der Wind spielte in dem Bergnest oft sein grauses Spiel, so dass bei den argen Schneeverwehungen häufig kein einziges Mädchen aus dem verzweigten Schulsprengel zur Schule kommen konnte.
Jetzt aber wieder zurück nach Artstetten, wo ich vieles besser machen möchte. Die Ferien dauern heuer von 16. Juli bis 15. September 1914. Sie sind nicht mehr geteilt auch das ist neu. Die letzten Ferien dauerten vom 15. Juli bis 31. August und vom 16. bis 28. September. Die Bevölkerung war sehr an die geteilten Ferien gewohnt und den Lehrpersonen war es gleichgültig, da alle in Artstetten blieben.
Mit erstem Mai beginnt das neue Schuljahr. Der Lehrkörper (Frl. Huber, Hr. Vyroubal und ich) und die Klassenverteilung der ca. 170 Kinder werden gleich bleiben.
Eine kurze Info der Pfarre: Am kommenden Sonntag Quasimodo feiern wir in Artstetten mit 16 Kindern die alljährliche Erstkommunion, am 11. Mai findet die Religionsprüfung statt.
Zum Abschluss möchte ich noch eine Unterhaltung ankündigen, die die Sommerfrischler wieder in der Schule veranstalten werden.
In den Ferien 1913 veranstalteten sie schon eine Unterhaltung, die 138 Kronen einbrachte und die mir für Schulzwecke eingehändigt wurden. Bei dieser Feier überreichte der Herr Bürgermeister die Medaille für 40-jährige treue Dienste dem Herrn Gutsleiter Beer, Frau Fachschuldirektor Czerny hielt eine Ansprache. Herr Adolf
Niesner, k. u. k. Offizial im militär- geographischen Institut, spendete wertvolle Landkarten von der Monarchie und von Niederösterreich.
Herzliche Einladung! Den genauen Termin der heurigen Unterhaltung werde ich euch noch schreiben.
In Verbundenheit!
Euer Wilhelm Groß
Quellenangaben für diese Nachricht:
Lebenslauf Wilhelm Groß / Pfarrchronik Artstetten / Schulchronik Artstetten / Kremser
Landzeitung vom 25.4.2014
Liebe Freundin, lieber Freund,
ich hab euch letztes Mal über den Schulbetrieb hier in Artstetten berichtet. Aber es gibt hier in unserer Schulgemeinde – in den Ortsgemeinden Artstetten, Nussendorf, Fritzelsdorf, Hart, Unterthalheim – und in unserer Pfarre jede Menge Arbeit, wenn man sich drum annehmen will.
So wurde ich in der Vollversammlung in den Ausschuss der Feuerwehr gewählt, was hier schon eine Ehrung bedeutet. Leider war es für den nicht mehr gewählten Herrn Rind eine Kränkung.
Über Ersuchen des Ortsschulrates übernahm ich den Organistendienst und erhalte jährlich 120 Kronen, für eine Segenmesse 30 Kreuzer = 60 Heller, alle anderen Funktionen kann ich mir selbst regeln.
Viel Arbeit geben mir der Organistendienst und die Gesangsproben. Es war mehrere Jahre in der Kirche nicht gesungen worden, das heißt, es war kein eigener Regenschori hier. Frl. Huber orgelte nur an Sonn- und Feiertagen aus Gefälligkeit Segenmessen, die Begräbnisse waren gesanglos gewesen.
Ich selbst bin ein schwacher Orgelspieler und muss proben. Deshalb bedeuteten Aufführungen für mich aufregende Anstrengungen. Durch den Dienst ist man immer angehängt. Der Herr Pfarrer Kubski ist sehr nachsichtig, Frl. Huber hilft mir oft aus. Die Parteien zahlen meist pünktlich, vielen sind meine Forderung zu hoch, so dass ich oft erklären muss, dass ich für das Spielen an Sonn- und Feiertagen zu schlecht bezahlt sei, so dass ich mich daher bei anderen Funktionen bezahlt machen muss.
Weil einige von euch mein gesetzlich geregeltes Lehrereinkommen wissen wollten,
liste ich es gerne auf: es beträgt seit rund 2 Jahren: Gehalt 1.800 Kronen, 3 Dienstalterszulagen à 200 Kronen, also 600 Kronen, Funktionszulage 200 Kronen, freie Wohnung und zum Nutzgenusse, dazu gehören 2 Äcker und 2 Wiesen (99 Ar), die verpachtet sind und 63 Kronen einbringen (ohne Gegenleistung).
Eine kleine finanzielle Besserung für uns Festbesoldeten wird das soeben beschlossene Gehaltsgesetz bringen, dass am 1. April 1916 wirksam werden wird. Das wird in 3 Wochen bei unserer Bezirklehrerkonferenz in Pöggstall Thema sein.
Nicht zuletzt, wie sollte es auch anders sein, führe ich für den Ortsschulrat die Amtsschriften und die Schülerbeschreibung.
Eine angenehme Bereicherung hier ist die Möglichkeit zu Jagd. Herr Verwalter Beer lud mich zur Jagd ein und lieh mir ein Gewehr. Nachdem ich einige Hasen erlegt hatte, kaufte mir Mariechen zum Christkind 1913 ein schönes hahnloses Rosendamastgewehr um 70 Gulden.
Viel los ist in Artstetten, wenn die Herrschaften hier sind. Im Schloss Artstetten sind 3 Gärtner mit, ein Friseur, etc.
Auf dem Postamt sind ein eigener Briefträger aus Wien und desgleichen ein Wiener Telegraphenbeamter zugeteilt. Als sich ein Beamter während der Dienststunden einige Zigaretten im Geschäft vis-à-vis holte und dabei vom Erzherzog erblickt worden war, da er die Beamtenuniform trug, wurde er binnen weniger Stunden abberufen. Und die „Nase“, die er danach erhielt?!
Da auch der Kontakt zu den Herrschaften gepflegt werden muss, fragte ich kürzlich vor deren Ankunft den Haushofmeister, ob es angezeigt wäre, die Hoheiten zu empfangen. Er winkte ab. Auf die Gefahr hin, eventuell ganz übersehen zu werden, ging ich nicht ein. Wäre mir etwas Derartiges passiert, wäre ich Kommunist geworden. Ich bin ja vom Gnadentum hoher Persönlichkeiten nicht sehr überzeugt; sind es doch auch nur fehlerhafte Menschen.
In Verbundenheit!
Euer Wilhelm Groß
Quellenangaben für diese Nachricht:
Lebenslauf Wilhelm Groß
